Bless Petricore – warum Petricore endet und daraus etwas Neues entsteht

Petricore Green Hosting GmbH befindet sich in Liquidation und nimmt daher keine neuen Bestellungen mehr entgegen. Bestehende Verträge und laufende Leistungen werden selbstverständlich bis zum jeweiligen Vertragsende weitergeführt.

Wie Petricore entstand

Als ich die Vision von Petricore hatte – Server mit wirklich fossilfreiem Strom, ganz ohne CO₂-Tricks über die Strombörsen -, stand ich zunächst allein vor einem Berg aus Variablen. Außer meiner Selbstständigkeit hatte ich nie zuvor etwas gegründet. Also holte ich Menschen dazu, die entweder bereits Erfahrung hatten oder Lust, gemeinsam neue Erfahrungen zu sammeln.

Zum Glück fand sich schnell ein Team, das die Idee ähnlich inspirierend fand wie ich. Mit dem Gefühl, dass daraus etwas Großes werden könnte, gingen wir 2021 zum Notar. Schon der Weg bis dorthin war alles andere als einfach. Aus einer Idee und den Idealen eines Einzelnen wurde Schritt für Schritt die gemeinsame Vision von vier Menschen. Das war eine intensive und tolle Zeit.

Wenn eine Idee bleibt, aber das Team kleiner wird

Doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Und so ging Jahr für Jahr eine:r der Gründer:innen aus dem Team. Bis ich 2025 schließlich die Anteile meiner Mitgründer:innen zurückkaufte.

Damit stand plötzlich eine neue Frage im Raum: Wie führt man die Idee von vier Menschen allein weiter?

Auch wenn meine Vision immer der Kern von Petricore war, schien es mir Anfang dieses Jahres klüger, einen Neustart zu wagen. Nicht weg von der Ursprungsidee – sondern zurück zu ihr. Aber in einer neuen Zeit und mit einer neuen Perspektive darauf, was Green Hosting heute eigentlich leisten muss.

Was sich im Hosting-Markt verändert hat

Als wir mit Petricore angefangen haben, hatte vielleicht jeder dritte oder vierte Provider überhaupt Ökostrom auf dem Zettel. Heute geben laut HostPress 89 % aller gelisteten Webhoster an, Ökostrom zu verwenden.

Das ist erst einmal eine gute Entwicklung. Denn es zeigt, dass sich etwas bewegt hat. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass echter Fortschritt neue Fragen braucht. Wenn Ökostrom heute für viele Anbieter selbstverständlich geworden ist, dann reicht es nicht mehr, nur darüber zu sprechen, woher der Strom kommt. Dann müssen wir uns auch damit beschäftigen, was mit der Energie passiert, nachdem sie im Rechenzentrum angekommen ist.

Die nächste große Herausforderung: Abwärme

Für mich liegt die nächste große Herausforderung deshalb vor allem in Zeiten von KI darin, die Abwärme von Rechenzentren endlich nutzbar zu machen.

Denn fast jede Kilowattstunde Strom, die in ein Rechenzentrum geht, wird am Ende in Wärme umgewandelt. Diese Wärme ist kein Nebeneffekt, den man einfach wegkühlen sollte. Sie ist ein Wert. In einer Welt, die sich Schritt für Schritt von fossilen Energieträgern lösen muss, sollten wir jede Kilowattstunde Strom möglichst doppelt nutzen: erst digital und danach thermisch.

Rechenzentren produzieren nicht nur Rechenleistung. Sie produzieren auch Wärme. Und genau diese Wärme kann genutzt werden – zum Heizen, zur Warmwasseraufbereitung oder für industrielle und landwirtschaftliche Anwendungen.

Warum das mit Petricore nicht wirklich möglich ist

Genau an diesem Punkt wurde für mich klar, dass der nächste Schritt nicht mehr innerhalb von Petricore gehen kann.

Die Kernbotschaft von Petricore war es von Anfang an, Server auf Island mit 100 % echtem fossilfreiem Strom anzubieten. Und ich bin noch immer überzeugt, dass diese Idee richtig war und ist. Aber Island deckt seinen Wärmebedarf bereits vollständig aus geothermischer Energie. Das heißt: Für ein Modell, das sich auf die breite Nutzung von Rechenzentrumsabwärme konzentriert, ist Island nicht der Ort, an dem der größte Hebel liegt.

Wenn wir Rechenzentrumswärme sinnvoll nutzbar machen wollen, brauchen wir Projekte dort, wo Wärme tatsächlich gebraucht wird: in Europa, in Städten, in Netzen, in Gebäuden, in landwirtschaftlichen oder öffentlichen Anwendungen.

Was die Liquidation für Kund:innen bedeutet

Daher habe ich mich entschieden, einen Neubeginn zu wagen.

Die Petricore Green Hosting GmbH wird mit dem Auslaufen der bestehenden Verträge ihren Dienst einstellen. Neue Bestellungen werden nicht mehr angenommen. Für bestehende Kund:innen gilt selbstverständlich: Laufende Leistungen werden bis zum jeweiligen Vertragsende regulär weitergeführt.

Und gleichzeitig bleibe ich Island treu. Für bestehende Petricore-Kund:innen, die in Island bleiben wollen, wird es auch weiterhin Server in Island geben.

Warum jetzt ein Neubeginn sinnvoll ist

Dieser Schritt ist kein Abschied von den Idealen hinter Petricore. Im Gegenteil: Er ist für mich der konsequente nächste Schritt.

Petricore stand für fosslfreien Strom ohne Greenwashing. Diese Haltung bleibt. Aber die Anforderungen an nachhaltige digitale Infrastruktur sind heute größer als noch vor ein paar Jahren. Es geht nicht mehr nur darum, ob ein Server mit erneuerbarem Strom läuft. Es geht zunehmend auch darum, ob wir die entstehende Wärme sinnvoll weiterverwenden, wie lang die Hardware genutzt wird, wie unabhängig wir digital aufgestellt sind und wie europäisch unsere Infrastruktur wirklich ist.

Wie es weitergeht

Zum Start des neuen Projekts wird es zwei Standorte in Deutschland geben.

Der erste Standort in Norddeutschland bietet Server an, die mit 100 % Windkraft betrieben werden und deren Abwärme zur Algenzucht genutzt wird.

Der zweite Standort nutzt ebenfalls 100 % Ökostrom, verwendet die Abwärme des Rechenzentrums im Winter zum Heizen und im Sommer zur Warmwasseraufbereitung.

Darüber hinaus sind weitere Projekte in Planung: unter anderem ein ehemaliger Bunker in der Schweiz, der die Abwärme für ein Freizeitbad und eine Turnhalle nutzt, sowie Rechenzentrumsstandorte in Skandinavien, die an Fernwärme- und Fernkältenetze angeschlossen sind.

Mehr als Hosting: Infrastruktur, Anwendungen und selbstgehostete KI

Aber nicht nur die Infrastruktur wird sich verändern. Auch die Produkte werden sich erweitern.

Petricore bot bisher vor allem WordPress Hosting an. Das neue Projekt wird sein Produktportfolio deutlich breiter aufstellen: Container-Dienste, Deployment, Loadbalancing und Anwendungshosting für Tools wie Paperless, CRM-Lösungen oder Rocket.Chat gehören ebenso dazu wie selbstgehostete KI, die datenschutzkonform und ohne außereuropäischen Einfluss betrieben werden kann.

Denn in diesen Zeiten möchte ich nicht nur auf die Umweltauswirkungen der IT hinweisen, sondern auch auf den Einfluss nicht-europäischer Staaten auf unsere Informationsinfrastruktur. Nachhaltigkeit bedeutet heute für mich nicht nur Energie und CO₂, sondern auch digitale Souveränität.

Warum ein Panda das neue Projekt repräsentiert

Als Avatar und Logo habe ich den Panda gewählt. Er steht seit jeher als Sinnbild für Umweltbewusstsein und Artenschutz.

Und weil meine Verbindung zu Island und Skandinavien nicht mit Petricore endet, wird das neue Projekt BambooBjørn heißen.

Danke ♥️ an alle, die Petricore begleitet haben

Petricore war für mich nie einfach nur ein Hosting-Projekt. Es war der Versuch, Hosting konsequent anders zu denken: ehrlicher, transparenter und ökologischer.

Auch wenn Petricore in seiner bisherigen Form endet, endet die Idee dahinter nicht. Sie entwickelt sich weiter.

Danke an alle Kund:innen, Unterstützer:innen und Wegbegleiter:innen, die diesen Weg mitgegangen sind.

Bless Petricore. Und willkommen zum nächsten Kapitel.

Euer Dirk Rene Hirsch